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Samstag, 1. Oktober 2016

KEINE HELFENDEN HÄNDE VON AMTS WEGEN IN DER KATASTROPHE

Helfende Hände in der Katastrophe

Der 11. September 2001 und die Opferfamilien
Als sein Sohn in New York starb, fühlte sich Manfred Gorki von der Regierung allein gelassen. Das kritisierte er. Nun gibt es eine Stelle, die Familien deutscher Unglücksopfer unterstützt.
Von Malte Arnsperger
Um 15 Uhr an diesem 11. September 2001 schaltet Manfred Gorki aus Iserlohn den Fernseher ein. Sein Sohn Manuel hat ihm etwas von einem Flugzeugunglück in New York erzählt. Auf dem Bildschirm sieht er gerade noch, wie das zweite Flugzeug in den Südturm des World Trade Center rast. Es ist ein Moment, der sein Leben verändert. Denn Gorkis älterer Sohn Sebastian arbeitet in dem Hochhauskomplex. Für die Deutsche Bank. Er ist 26, als er ums Leben kommt.
Die Trauer der Familie sitzt auch zehn Jahre danach noch tief. Doch Manfred Gorki hat dafür gesorgt, dass seine Erfahrungen im Umgang mit dieser Tragödie heute all jenen Deutschen nützen, die plötzlich vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Tsunami-Katastrophe, Mumbai-Anschläge, Air-France-Absturz. Unglücke der vergangenen Jahre mit hunderten, ja tausenden Toten. Bei all diesen sogenannten Großschadensereignissen im Ausland hat es auch deutsche Staatsbürger getroffen. Viele von ihnen und ihren Angehörigen hatten in den Wochen und Monaten danach direkten oder indirekten Kontakt zu einer Behörde mit wohlklingenden Namen: Noah, die Stelle für Nachsorge, Opfer-und Angehörigen-Hilfe. Die Einrichtung des Bundesamtes für Katastrophenschutz entstand als Antwort auf das unrühmliche Bild, das deutsche Behörden nach den Terroranschlägen des 11. September abgaben. Einer ihrer wichtigsten Geburtshelfer ist Manfred Gorki.

George W. Bush schickte einen Brief

Draußen ist es schon dunkel, als der Rentner aus dem Westfälischen und seine Frau Marlies an jenem 11.September 2001 nach unzähligen Versuchen endlich bei der völlig überlasteten Hotline des Auswärtigen Amtes (AA) durchkommen. Sie geben den Namen ihres Sohnes an, den sie im Südturm des World Trade Centers vermuten. Der AA-Mitarbeiter nimmt die Daten auf. Mehr nicht. Kein Ratschlag, an wen sich die besorgten Eltern in ihrer Not wenden können, kein Hinweis, was die Angehörigen angesichts dieser Katastrophe tun können. "Man hat uns schlicht alleine gelassen", erinnert sich Manfred Gorki.
Und nicht nur das. In den kommenden Wochen und Monaten erlebt die Familie eine Enttäuschung nach der anderen im Umgang mit deutschen Behörden. Der Arbeitgeber ihres Sohnes sorgt für psychologische Hilfe, fliegt die Gorkis nach New York, kümmert sich um die geschockten Angehörigen. "Von staatlicher Seit kam nichts", sagt Gorki. Er muss sich selber um die Übersetzung der Sterbeurkunde seines Sohnes kümmern und sich mit überkorrekten Bürokraten des Zolls herumärgern, die Geld für die Einfuhr der Hinterlassenschaften von Sebastian fordern. Zu Weihnachten bekommen die Gorkis Post vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush, auf einen Brief der deutschen Regierung warten sie vergebens. Manfred Gorkis Urteil schon damals: "Die deutschen Behörden hatten zu wenig Fingerspitzengefühl und waren mit der Situation einfach überfordert."

Gorki schickte eine Liste mit Forderungen nach Berlin

Gorki stand nicht alleine mit seiner Kritik, andere Hinterbliebene von 9/11-Opfern waren ebenso entsetzt über die mangelnde und chaotische Betreuung. Und als sich nach den Anschlägen auf den Ferieninseln Djerba in Tunesien und Bali in Indonesien 2002 viele der Fehler und Versäumnisse wiederholten, spürte auch die Bundesregierung: Hier muss sich etwas ändern. Zusammen mit den Angehörigen von Opfern früherer Unglücke durfte Gorki seinem Unmut Luft machen und Berlin eine Liste mit Forderungen überreichen. Und Anfang 2003 hob der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) "Noah" aus der Taufe.
Sie sollte eine Behördenlücke schließen. Denn bislang kümmerten sich Botschaften und Konsulate zwar bei Unglücken im Ausland um betroffene Deutsche. Doch deren Zuständigkeit endete an der Grenze. Zu Hause fühlte sich niemand mehr verantwortlich für die Opfer und ihre Angehörigen. "Die deutschen Familien haben sich nach dem 11. September, aber auch nach Djerba und Bali nicht ausreichend vom Staat wahrgenommen gefühlt", sagt Jutta Helmerichs, die Noah seit der Gründung leitet.

Bewährungsprobe Tsunami

Seitdem soll Noah nach Unglücken in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt und den Bundesländern vor allem eine psychosoziale Betreuung aufbauen. Dazu gehört, die Opfer und ihre Familien über psychologische Hilfsangebote zu informieren. Aber die acht festen Mitarbeiter sollen die Betroffenen auch bei den notwendigen Behördengängen unterstützen, etwa bei der Beschaffung und Übersetzung eines ausländischen Totenscheins. Jutta Helmerichs: "Wir arbeiten eng mit dem Auswärtigen Amt zusammen, gehören aber zum Innenministerium." Noah ist quasi die Schnittstelle zwischen den beiden Ministerien in diesen Krisenfällen.
Die erste richtige Prüfung für die neue Koordinierungsstelle folgte rund zwei Jahre nach der Gründung. Als am 26. Dezember 2004 ein Tsunami weite Teile der Küstenregionen rund um den Indischen Ozean zerstörte, galt es, rund 7000 deutsche Urlauber und ihre Angehörigen zu betreuen. "Die Dimensionen dieser Katastrophe waren enorm. Es war eine Ausnahmesituation, auf die niemand ausreichend vorbereitet war", sagt Helmerichs.

Noch klappt offenbar nicht alles

Dass immer noch nicht alles perfekt funktioniert, zeigt ein Fall aus jener Zeit. Noah? Von einer Einrichtung dieses Namens hat Konrad Chojnowski bis heute nichts gehört. Der Tsunami hat ihm seinen Vater genommen, der damals mit seinem zweiten Sohn und seiner Lebensgefährtin in Thailand urlaubte. In den Tagen nach der Katastrophe versuchten Konrad Chojnowski und seine Frau zuhause in Deutschland alles, um irgendetwas über das Schicksal ihrer Verwandten zu erfahren. Beim Reiseveranstalter verwies man sie an die Botschaft in Thailand. Doch dort und beim Auswärtigen Amt in Berlin waren die Leitungen dauerbesetzt. Erst nach zwei Tagen meldete sich Konrad Chojnowskis Bruder Jerzy, der verletzt nach dem Vater suchte. Als Jerzy dessen Leiche fand, kümmerte er sich auf eigene Faust um die Einäscherung und den Transport nach Deutschland. Zuhause angekommen, übernahm Konrad Chojnowski den weiteren Weg durch die Behörden. Alles ohne staatliche Hilfe. "Es wäre schon gut gewesen, wenn man zumindest ein paar Informationen zu seinen Rechten und Pflichten in so einem Fall bekommen hätte ", sagt Konrad Chojnowski. "Aber außer einem Beileidsschreiben von unserer damaligen Ministerpräsidentin kam nichts."
Noah-Leiterin Helmerichs dagegen beteuert, alle Familien, die ein Todesopfer zu beklagen hatten, seien damals kontaktiert worden. Sie kenne auch das Schicksal der Chojnowskis und habe Jerzy sogar persönlich kennengelernt. Helmerichs räumt zwar ein, dass man angesichts der tausenden Betroffenen nicht alle Angehörigen habe erreichen können. Aber die Noah-Telefonhotline sei heute wie damals rund um die Uhr geschaltet und das Krisenteam des Auswärtigen Amt würde besorgte Anrufer immer an ihre Stelle verweisen. "Wir haben gut geschulte Mitarbeiter, die mit ihrer Expertise mittlerweile auch bei Unglücken im Inland den verantwortlichen Behörden helfen."

Eine Messe für die Opfer des Air-France-Unglücks

Offenbar hat die Noah viele Anfangsschwierigkeiten hinter sich gelassen. Bernd Gans hat seine Tochter beim Flugzeugabsturz eines Airbus der Air-France am 1. Juni 2009 verloren. Er ist zufrieden mit der Betreuung durch die Noah. Wenige Tage nach dem Absturz habe ihm die Stelle diverse Info-Broschüren geschickt. "Die waren wirklich sehr hilfreich", urteilt Gans. Sehr positiv ist Gans auch der Gottesdienst für die Angehörigen in Erinnerung. Alles sei von der Noah bezahlt worden, die Messe sei "sehr würdig" gewesen und auch um den Schutz vor der neugierigen Presse hätten sich die Noah-Mitarbeiter gekümmert. "Es ist schon gut, dass diese Stelle eingerichtet wurde", meint Gans. Nur bei der Bemühungen um Aufklärung des Unglücks würde er sich bis heute mehr Unterstützung erwarten. "Da sind andere Länder wie Frankreich schon viel weiter."
Konrad Chojnowski will sich auf staatliche Hilfe nicht verlassen. Er hält es lieber mit dem Motto: "Hilf' dir selber, dann hilft dir der liebe Gott."

 http://www.stern.de/politik/deutschland/der-11--september-2001-und-die-opferfamilien-helfende-haende-in-der-katastrophe-3920024.html

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